Katastrophen haben die unangenehme Eigenschaft, daß sie meist unvorhersehbar, plötzlich auftreten und unberechenbar sind. Eine Katastrophe miterleben möchte wohl keiner - sich die Folgen einer Naturkatastrophe anschauen - schon mancher.
Im Juni 1927 war die Landstraße zwischen Lastrup umd Lindern dicht bevölkert von Schaulustigen, die alle ein gemeinsames Ziel hatten - Auen und Holthaus. Scharenweise kamen Kutschwagen, Fahrräder, Motorräder und Autos aus ganz Deutschland, da in vielen Zeitungen ausführlich über das Unglück berichtet worden war. Nachdem die Schienen der Kleinbahn wieder geräumt waren, transportierte auch sie die Neugierigen bis nach Auen. In Auen und Holthaus bot sich dem Besucher ein Bild der Verwüstung. 20 ha Eichen- und Buchenwald und 80-90 Wohn- und Wirtschaftshäuser waren zerstört worden. Geschehen war dieser vernichtende Schlag am 1. Juni 1927.
Es war ein fecht-heißer Tag - vormittag hatte es geregnet. Nachmittags hatte sich dann ein Wirbelsturm über den Mooren der Provinz Zwolle in Holland gebildet und war bereits über das Emsland hinweggebraust, ehe er Auen-Holthaus gegen 17 Uhr erreichte, um aus dem schönen, alten Ort einen Ort der totalen Zerstörung zu machen.
Die Bewohner hatten sich richtig verhalten und instinktiv den Schutz der Häuser gesucht. Tote waren daher nicht zu beklagen, doch meherere Schwerverletzte erhielten vorsorglich von Pfarrer Püttmann die Hl. Ölung. Man hatte sie unter Balken und Decken hervorgeholt. Ein wenige Tage altes Kind war völlig unversehrt aus den Trümmern geborgen worden. Da alle Telefonleitungen zerstört waren, erreichte die Nachricht über die Sturmkatastrophe erst gegen 21 Uhr die Kreisstadt Cloppenburg. Sofort wurden 25 Beamte der Ordnungspolizei zum Einsatz geschickt. Sie hatten dafür zu sorgen, daß am Unglücksort alles mit rechten Dingen zuging und vor allem, daß nicht geraucht wurde. Da das Stroh von Strohbalken und Dächern über ganz Auen und Holthaus verteilt war, fehlte den Bewohnern nur noch ein Brand, der die Katastrophe perfekt gemacht hätte.
Am 2. Juni kamen meherere Oldenburger Staatsbeamte zur Unglücksstelle, um sich ein
Bild von der Verwüstung und den zu ergreifenden Maßnahmen zu machen.
Zunächst wurden von Minister Driver und Dr. Willers die Beschaffung von Notquartieren,
Ermöglichung des Durchgangsverkehrs, Instandsetzung der zerrissenen Stromleitung und
die Inbetriebnahme einer Feldküche vor der Gaststätte Thole veranlaßt.
Die Arbeitskräfte fur die Aufräumarbeiten kamen aus den umliegenden Gemeinden, die
kostenlos in Auen und Holthaus mithalfen. Das tote Vieh, die verstreut liegenden
Haushaltsgeräte, Kleidungsstücke etc. mußten zusammengesucht werden. 1927 brauchte
auf dem Feld für die Ernte nicht mehr viel getan werden, da das Getreide wie
plattgewalzt dalag. Was an Vieh noch vorhanden war, wurde im folgenden Winter - das
meiste aufgrund Futtermangels - verkauft.
In Auen wurde ein Baubüro eingerichtet, das den Geschädigten mit Rat und Tat zur
Seite stehen sollte. Die Gebäude, die nicht so sehr beschädigt waren, wurden
wiederhergestellt, doch 11 Wohnhäuser mußten völlig neu gebaut werden. Maßgeblich
am Wiederaufbau beteiligt waren Regierungs-Baurat Ritter und der Architekt
Schellstede.
Wichtig war es, für die Bewohner wieder ein Dach über dem Kopf zu besorgen, da
sich viele Menschen einen Verschlag in den Ruinen gezimmert hatten, wo sie auf
engstem Raume lebten.
Da auch die Schule total zerstört war, wurden die Kinder bis zum Winter 1927 nach
Liener zur Schule geschickt. Bis im Jahr 1929 die Schule bezogen werden konnte,
wurden sie dann im Saal der Gaststätte unterrichtet.
Weil die Landesbrandkasse nach den Grundsätzen der Feuerversicherung nicht für
diesen Schadensfall eintreten mußte, war die Finanzierung des Wiederaufbaus der
Bauernschaften vordringlich.
Durch die Bauernvereine, durch die Regierung und alle christlichen und
politischen Vereine wurde zum Spenden für die betroffenen Bauernschaften
aufgerufen. Die Haussammlungen brachten 154.000 M für den Wiederaufbau der
vernichteten Ortschaften. Weitere 100.000 M stellte Reichspräsident Hindenburg
aus der Staatskasse zur Verfügung.
Doch für den Wiederaufbau wurden annähernd 500.000 M gebraucht. So mußte
jede betroffene Familie 10.000-20.000 Mark als Darlehen aufnehmen, was für
einen Betrieb von 10-30 ha in jener Zeit gefährlich war.
So wird am 10. Juni 1928 in der Münsterländischen Tageszeitung berichtet, daß
bereits verschiedene Bauern aus Auen und Holthaus einige Grundstücke an das
Bauamt veräußert hatten (mußten). Mittels dieser Grundstücke beabsichtigte
das Bauamt, die betroffenen Heuerleute selbständig zu machen.
Das Ministerium kam den Betroffenen mit der steuerlichen Befreiung für 1927
entgegen.
Doch obwohl der Gemeindevorsteher Schewe sofort nach der Katastrophe gesagt
haben soll: Ihr seid für ein Jahr steuerfrei! , hat heute "fast jeder in
Auen den sog. Kuckuck für Gemeindesteuern". (Münsterländische Tageszeitung, 14.11.1927)
(...)
Aus den Erinnerungen von Josef Bruns:
Die Wirbelsturmkatastrophe in Auen, Holthaus und Lienerloh war am 1. Juni 1927. Bei einem schweren Gewitter kam sehr viel Wind auf, die Bäume bogen sich, und es regnete heftig. Einige Bäume wurden entwurzelt. Um 4 oder 5 Uhr nachmittags läutete die Glocke vom Schulturm, Bernhard Drees kam bei Bussmann angelaufen und rief:
"Ganz Auen liegt am Boden."
Wir machten uns gleich auf den Weg, mein Bruder (12 Jahre) und ich (Josef Bruns, 7 Jahre). Unterwegs hörten wir, daß auch das Anwesen von Rode in Lienerloh dem Erdboden gleichgemacht worden war. Dort angekommen sahen wir, daß fast nichts mehr stehengeblieben war. Dann machten wir uns auf den Weg nach Auen. Dort sah es wüst aus. Dächer, Stroh, Bretter, Dachziegel und Bäume lagen auf der Straße. Dicke Eichen waren entwurzelt, Buchen in 3 bis 4m Höhe abgeknickt. Die Windhose hatte ihre Zerstörung bei Gerhard Wolke, heute Wille, Lienerloh, begonnen, hatte sämtliche Apfelbäume umgeworfen, dann das Anwesen von Rode zerstört, war weiter an Holthaus vorbeigerast und hatte dort viele Häuser abgedeckt. Das Dorf Auen traf dann die ganze Urgewalt des Sturmes. In Vrees (Grensenhöhe) nahm der Sturm noch drei Gehöfte mit. Danach hat sich die Windhose aufgelöst.
Zu Hause angekommen, gab es dann noch ein Donnerwetter. In der Aufregung und Neugier hatten wir ganz auf das Küheholen vergessen. Das mußten wir jetzt nachholen. Es wurde sehr spät.
Auch in der Münsterländischen Tageszeitung wurde von dem Unwetter berichtet. Auszug aus der Zeitung vom 4.6.1927:
"Schlimm sah es beim Landmann Rode in Lienerloh aus. Wie durch ein Wunder sind die Bewohner vor dem Tode bewahrt worden. Die untere Häfte der breiten Eingangstür stand offen. Die Familie rannte zur Tür, um sie zu schließen. In demselben Augenblick fielen die Balken auf die Tür und bildeten einen Hohlraum, in dem die Familienangehörigen Platz hatten. Die nachstürzenden Gesteinsmassen fanden in dem Balken ein Hindernis, so daß niemand zu Tode kam. Bei dem etwa siebenjährigen Sohne Josef stellte sich bald nach dem Unglück Bluthusten ein; er wurde in das Krankenhaus in Lastrup eingeliefert, ebenso seine Mutter, die einen Nervenschock erlitten hatte. Herr Rode hat als Knecht angefangen und es durch seinen Fleiß im Laufe der Jahre zu einem schönen Besitztum gebracht, das nun nicht mehr als ein Haufen Schutt ist."
10 Jahre sind seit dem schweren Schicksalstag für die Ortschaften Auen-Holthaus, an der oldenburgischen Grenze zwischen Werlte und Lindern gelegen, vergangen. Ein schwerer Wirbelsturm zerstörte in wenigen Minuten in beiden Ortschaften, was in Jahrhunderten mit Mühe und Fleiß geschaffen war. Es war ein Sommertag, der stark zu Gewitterbildung neigte. Schon die Vormittagstunden brachten ein Gewitter. Unheil kündend zog ein Gewitter am Nachmittag des 1. Juni 1927 in südwestlicher Richtung auf. Das Unglück sollte für die beiden Ortschaften viel schwerer werden, als angenommen werden konnte. In Auen und Holthaus, diese Ortschaften zählten damals zusammen 48 Wohnhäuser mit 253 Einwohnern, war zur Unglücksstunde nur ein geringer Bruchteil der Bevölkerung anwesend. Diese war zu einem großen Teil bei der Heuernte und im Moore beschäftigt. Allein diesem Umstand ist es zu verdanken, daß bei der Schwere des Unglücks keine Todesopfer zu beklagen waren, sondern nur einige schwer und leicht Verletzte.
Der Wirbel, der über diesen Landstrich hinwegfegte, hatte eine Breite
von 500 Meter und riß alles hinweg, was nur im Wege stand. In wenigen
Minuten wurden in Auen einschließlich der Nebengebäude 50 Häuser
vernichtet. In Holthaus waren 18 Wohnhäuser und etwa 25 Nebengebäude
beschädigt. Insgesamt wurden 75 Wohnhäuser und Nebengebäude entweder
vernichtet oder beschädigt. Eichbäume bis zu ein Meter Durchmesser
wurden abgeknickt oder entwurzelt. Fast der gesamte Baumbestand
der beiden Ortschaften, die schönsten der Gemeinde Lindern, war vernichtet.
Der zerstörte Waldbestand wurde auf 20 Hektar geschätzt. Alle Wege
und Straßen waren versperrt. Die Kleinbahn Cloppenburg-Landesgrenze
konnte mehrere Tage nur bis Lindern fahren. Sieben Personen wurden
in den eingestürzten Häusern verletzt, davon drei schwer. Wie sich
später herausstellte, übertraf das Unglück hier bei weitem die Sturmschäden
am gleichen Tage in Lingen. Kühe wurden auf der Weide vom Sturm hochgehoben,
über die Einfriedung hinweg etwa 200 Meter weit zu Boden geschleudert.
Ein Landwirt, der sich mit seinem Pferdegespann von Lienerloh (hier
wurde auch ein Haus zerstört) auf dem Heimweg nach Auen befand und sich
beim Nahen des Sturmes in einen Straßengraben warf, fand später das
Gespann, vom Wagen weggerissen und über den Graben und Zaun geschleudert,
auf einer Weide wieder. Totes Geflügel und auch Stroh fand man später
in 20 Minuten Entfernung im Moore wieder.
Der Münsterländer, 30.5.1937
In der Linderner Chronik lesen wir unter dem Ereignissen des Jahres 1927:
"Ein furchtbarer Wirbelsturm zerstörte am 1. Juni in kürzester Zeit fast die
ganze Bauernschaft Auen..."
Heute sei dieser kurze Zeitungsbericht durch eine ausführliche Darstellung
dieser Katastrophe mit ihren Begleitumständen und Nachwirkungen ergänzt, ist
sie doch ein historisches Ereignis ersten Ranges für die Bauernschaft, das
wert ist, unseren Kindern und Kindeskindnern zu erhalten. Darum sei allen
Lesern der Zeitung empfohlen, sie sorgfältig aufzubewahren, wie auch alle noch
im Laufe der Zeit folgenden Berichte und Aufsätze, wie den alljährlich
erscheinenden Jahresbericht aus der Gemeinde Lindern. Nur so kann eine
Chronik lebendig und wertvoll bleiben, sie ist ja nicht nur ein Buch für
uns Lebende, sondern ebensogut für kommende Generationen.
Es war am Mittwoch, dem 1. Juni 1927. Der Gesangverein Lindern, dem auch
mehrere Sänger aus Auen-Holthaus angehörten, war am Morgen mit einem Bus
zum Sängerfest in Hoheging gefahren. Bei den Gesangsvorführungen wurden
die Sangeslustigen dort von einem heftigen Sturm überrascht, der aber keinen
Abbruch der Feststimmung verursachen konnte. Nach Beendigung der Darbietungen
fuhren wir am Nachmittag wohlgemut wieder der Heimat zu. In Lastrup wurde letzte
Station gemacht. Doch zum frühlichen Lied und Umtrunk kam es nicht. Beim
Aussteigen empfing uns Lehrer Joh. Rump aus Liener mit der furchtbaren Nachricht:
Auen ist vom Wirbelsturm umgeweht. Die Fahrt nach Auen dauerte noch einige Minuten,
bis umgestürzte Bäume am Eingang der Bauernschaft Halt geboten. Über eine
Wildnis von übereinanderliegenden Bäumen des Brinks über umgeknickte Telefon- und
Lichtmasten und Leitungsdrähte stolperten wir unseren Behausungen zu. Dort
empfing mich meine noch ganz verstörte Frau und gab mir den ersten Eindruck des
fürchterlichen Geschehens: Plötzlich verfinsterte sich der Himmel, ein
Hagelschauer mit walnußdicken Körnern prasselte hernieder, ich lief, das Schlafzimmerfenster
zu schließen, doch vergebens, der Sturm riß mir die Fensterflügel aus den Händen.
Ein Brausen und Krachen, ein erschütternder Knall über mir: der Hausgiebel war auf
die Zimmerdecke gestürzt. Ich glaubte, das Ende der Welt sei gekommen, versuchte
zu beten, doch dann war alles vorüber. Ich schaute durch die Tür und sah die
Verwüstung. Die 1 m Durchmesser dicke Eiche vor der Wohung lag entwurzelt, um
sie herum viele andere Eichen des stattlichen, alten Brinkes, ebenfalls entwurzelt
oder ihrer Krone beraubt.
Unter den Archivarien des Bauern Joh. Janzen fand ich folgende selbstgeschriebene
Aufzeichnung: Um 4 1/2 Uhr zogen hohe, lose Wolken heran, die taubeneidicke Hagelstücke
mit sich führten. Es war windstill, und darum wurde von diesem Schauer kein
großer Schaden angerichtet. Mein Vater - 80 Jahre alt - sah dann, wie
in südöstlicher Richtung Wind im Anzug war, der plötzlich in einen sehr starken
Sturm ausartete. Und dann war schon das Verhängnis da: Die dicken Eichen - bis
3 Festmeter - die auf unserem Hof standen, fielen auf den Stall. Es war ganz
finster geworden. Der Sturm hatte unser Wohnhaus erfaßt, es krachte in allen Pfosten
und Fugen und stürzte ein... Als sich der Sturm beruhigt hatte, mußte mein Bruder
B. feststellen, daß unsere sämtlichen Gebäudlichkeiten und Bäume dem Sturm zum
Opfer gefallen waren...
Volkstum und Landschaft, September 1964
Die Sturmkatastrophe Auen-Holthaus-Lienerloh
von Wilhelm Kohnen
(...)
Schaulustige besichtigen das zerstörte Auen
Der Hof Schewe
Der Hof Bunten
Das Schulhaus
Der Hof Jansen